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Abschied

Julia Viellehner ist tot. Triathleten in Deutschland und aller Welt nehmen Abschied von einer jungen Sportlerin, die sich durch ihr fröhliches und offenes Wesen viele Freunde gemacht hat. Auf Fotos sieht man sie meist lachen, ehrlich und ansteckend zugleich. Was uns bleibt, ist die Erinnerung. An gemeinsame Stunden, an Begebenheiten und Situationen, die ein jeder von uns mit ihr erlebt hat.

Ich bin davon überzeugt, dass Sie nach diesem schrecklichen Unfall die Frage stellen werden: Kann mir das nicht auch passieren? Leider ja – und jederzeit. Vor zwölf Jahren stieß ich auf Lanzarote mit einem ins Schleudern geratenen Pkw zusammen und hatte Glück im Unglück. Seitdem haben die Aussagen zweier sehr guter Freunde, „Die Angst fährt ständig mit“ und „Es gibt zwei Arten von Radfahrern: einige, die sind gestürzt, und andere, die noch stürzen werden“, eine ganz andere Bedeutung für mich.

Viele Menschen ringen auch eine Woche nach dem schrecklichen Tod von Julia Viellehner um Fassung. Die Reaktionen und Beileidsbekundungen im Netz und in den Medien sind überwältigend. Tages- und Boulevardpresse setzen sich plötzlich intensiv mit dem Risiko der Radfahrer auseinander. Und dabei regelt doch die Straßenverkehrsordnung bereits im ersten Paragraphen das tägliche Miteinander auf der Straße: Rücksicht und Vorsicht. Durch alle Beteiligten.

Aber leider gehen auf den immer voller werdenden Landstraßen der gegenseitige Respekt und die Verantwortung gegenüber den anderen Verkehrsteilnehmern und die Gelassenheit zunehmend verloren: Es wird gedrängelt und gehupt, es wird mit einer Hand fahrend getextet, fotografiert und telefoniert. Die Wachsamkeit leidet, die Aggression nimmt zu und es passieren viel zu viele Unfälle. Kein privater oder geschäftlicher Termin darf so wichtig sein, dass durch eine riskante Fahrweise die weitaus schwächeren Radfahrer gefährdet werden.

Auch wir Radfahrer sollten uns die Frage stellen: Was ist mein Anteil an der spürbar zunehmend fehlenden Toleranz im Straßenverkehr? Biete ich durch mein Verhalten möglicherweise auch eine Angriffsfläche? Ist das Erreichen der vorgesehen Wattzahl, Durchschnittsgeschwindigkeit oder Herzfrequenz es tatsächlich Wert, ein höheres Risiko einzugehen?

Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass das Radwegenetz weiter ausgebaut wird und sich im Straßenverkehr die Starken und Schwachen respektvoll die Straße teilen und beide Seiten gelassener reagieren, wenn es mal wieder etwas länger dauert. Der bekannte Sport- und Eventmoderator Andreas Groß beendete ein kürzlich geführtes Telefonat mit den Worten: „Ich möchte nicht noch einen ‚meiner’ Athleten verlieren. Wir sollten auf Hochzeiten gehen, nicht auf Beerdigungen.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Wir sehen uns an der Finish-Line, liebe Julia

Ihr

Klaus Arendt
[Chefredakteur]

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