Ötztaler Radmarathon: Leise rieselt der Schnee

herausfordernde Witterungsbedingungen beim Ötztaler Radmarathon 2018, Fotograf: Lukas Ennemoser | Ötztal TourismusGestern lachte noch der Jahrhundert-Sommer mit Temperaturen von weit über 30 Grad Celsius. Und heute findet die Pressekonferenz für den Ötztaler Radmarathon  bereits im zehn Zentimeter tiefen Neuschnee statt. Verkehrte Welt.

 

Zwar findet die PK auf dem 3.056 Meter hohen Gaislachkogel statt, allerdings sieht es unten im Tal nicht wirklich vielversprechender aus. Ich mag gar nicht daran denken, dass morgen Früh um 6:45 Uhr der Startschuss fällt: 238 Kilometer. 5.500 Höhenmeter. Vier Pässe. Und zum Abschluss das „Monster“ Timmelsjoch mit seinen 2.509 Metern Höhe.

Work-Life-Balance

Nach der Pressekonferenz sehe ich mir noch die cineastische Installation „007 Elements“ an, bei der sich alles um die Welt von James Bond dreht – schließlich wurde im Ötztal der letzte James Bond “Spectre” gefilmt. Draußen ist es sehr kalt. Minusgrade! Meine 15-jährige Tochter Lilly schmeißt begeistert mit ihrer besten Freundin Schneebälle. Ich bin in Anbetracht der Wetterkapriolen weniger amüsiert und freue mich trotzdem, dass sie und der Rest der Familie dabei sind.

Der seit 1982 ausgetragene Ötztaler Radmarathon gilt zu Recht als sportlicher Höhepunkt für knapp 4.500 Hobbyradsportler.  Wie ich dieses Wort “Hobbyradsportler” hasse! Jeder, der hier am Start steht, hat dafür in diesem Jahr bis zu 5.000 Kilometer trainiert. Viele davon das Doppelte und noch mehr! Und das mit Familie und einem “normalen” Berufsleben in Einklang zu bringen, ist alles andere als leicht. Ich kann selbst ein Lied davon singen. Ich bin 51 Jahre, verheiratet und Vater von drei Kindern im Alter von 8-18 Jahren. Als Bereichsvorstand eines global aufgestellten touristischen Unternehmens sind 60 Arbeitsstunden und mehr in der Woche keine Seltenheit, von den gut und gerne 100 Dienstreisetagen einmal ganz abgesehen.

Als passionierter Ausdauersportler versuche ich nunmehr seit mehr als 30 Jahren Familie, Beruf und sportliche Ziele unter einen Hut zu bringen. Oft gelingt das ganz gut. Wenn die Familie einen Wochendausflug von unserem Wohnort in München zu Eltern und Freunden ins fränkische Bamberg unternimmt, fahre ich halt eine Strecke mit dem Rennrad und freue mich, mal wieder einen Teil davon auf der Radstrecke der Challenge Roth zu fahren. So stehen dann am Nachmittag schnell mal 250 und mehr Trainingskilometer auf dem Tacho. Und da meine Kinder mittlerweile selbst sportlich aktiv und viel unterwegs sind, macht all dies die Koordination von Familienzeiten, Beruf und eigenen Sportwettkämpfen nicht unbedingt einfacher. Schön, das wir den Ötztaler gemeinsam als Familienevent erleben!

Ötztaler Radmarathon: Wo bleibt die Sonne?

Der Wetterbericht für den Renntag stimmt mich vorsichtig optimistisch. 6-8 Grad Celsius am Start. Regenschauer und Gewitter sollen erst ab circa 100 Kilometer auftreten. Nach einer kurzen Nacht, der Wecker klingelt bereits gegen 4:30 Uhr, schaue ich als erstes  hinaus: Dunkle Wolken, kein Regen. Na also, alles nicht so schlimm!

Startschuss Ötztaler Radmarathon 2018, Fotograf: Lukas Ennemoser | Ötztal Tourismus

Als ich kurz vor 6 Uhr in den Startbereich rolle, sind von den 4.500 Startern gefühlt schon mindestens 4.000 Teilnehmer da! Beim Startschuss um 6:45 Uhr ist es kühl, nicht allzu kalt, aber trocken. Die ersten 32 Kilometer bis Ötz vergehen rassend schnell! Der Tacho zeigt eine Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 45 km/h! Und dann kommt der erste Pass. Das Kühtai. Ein Anstieg von „nur“ 18,5 Kilometern mit „lediglich“ 1.200 Höhenmetern. Alles halb so schlimm … bis auf den eintretenden Regen, und zwar Bindfäden. Meine Beine haben auf dieses Mistwetter überhaupt keine Lust. Wie hatte ich mich auf meine vierte Teilnahme am Ötztaler gefreut. Auf Gänsehaut-Momente, insbesondere wenn man nach 209 Kilometern auf der Passhöhe Timmelsjoch ein Plakat mit der Aufschrift „Das hast du deinen Traum“ passiert. Meine ersten beiden Teilnahmen  waren Freude pur: tolles Wetter, einmal knapp unter und einmal knapp über 9 Stunden Fahrtzeit. Beim dritten Mal drehte ich am Kühtai bei Kälte und Dauerregen frustriert, durchnässt und durchgefroren um, auch weil ich damals beruflich am Tag danach eine Geschäftsreise und zwei Intercontinentalflüge vor mit hatte. Und jetzt? Ein deja-vu?

Dauerregen und Nebel

Nein, sicher nicht. Nach knapp zwei Stunden erreiche ich die Passhöhe. Normalerweise freue ich mich jetzt auf die Abfahrt. Aber es regnet weiter. Die Straßen sind nass und mir ist kalt. Zum Glück habe ich am Vortag noch 200 Euro in eine neue GoreText-Regenjacke investiert! Weiter geht es Richtung Innsbruck und hoch zum Brenner: 39 Kilometer Anstieg mit 777 Höhenmetern. Zwischen den Wolken taucht ab und an die Sonne auf. Sofort geht es meinen Beinen besser und ich bezwinge den Brenner mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp 30 km/h. Na also, geht doch. Auf der Passhöhe fülle ich an der zweiten Labestation die Trinkflaschen auf. Auf abtrocknendem Asphalt macht die Abfahrt nach Sterzing richtig Spaß. Zum Glück weiß ich dort noch nicht, dass ab dann Schluss mit lustig ist.

Mit dem positiven Gefühl vom Brenner nehme ich den 15,5 Kilometer langen Anstieg zum Jaufenpass in Angriff.  Die 1.130 Höhenmeter tragen dazu bei, dass wir richtig warm wird. Allerdings fängt es auf der Passhöhe wieder an, in Strömen zu regnen!  Dauerregen und Nebel! Auf der Abfahrt nach St Leonhard zitter ich bereits wie Espenlaub. Mir wird immer kälter und ich fahre vorsichtig, sehr vorsichtig. Wo man es normalerweise mit gut und gerne 80 km/h rollen lässt, fahre ich auf regennassen Straßen nur halb so schnell.

Das Timmelsjoch: ich leide, dauert länger!

Endlich unten angekommen, steht nach 183 Kilometern „nur“ noch das Timmelsjoch mit seinen 1.759 Höhenmetern auf 28,7 Kilometer an. Ich bin am Ende. Kleines 39er Kettenblatt vorne, hinten ein 28er. Viel weniger geht nicht! Oder etwa doch? Noch nie habe ich mich so sehr nach einer Kompaktkurbel gesehnt wie auf diesem Teilabschnitt. Mein Tacho zeigt 10 km/h, und die Anzeige fällt weiter. Ich scheine zu stehen, und falle vermutlich gleich vom Fahrrad In der Hoffnung, dass zumindest die Entfernung weniger wird, schaue ich jede Minute auf den Tacho. Aber es hilft alles nichts, im Schneckentempo krieche ich Meter um Meter dem Gipfel entgegen. Für mich steht die Zeit still. Konnte ich am Jaufenpass noch etliche Fahrer überholen, bin ich jetzt an der Reihe. In Schönau bei Kilometer 201 zücke ich an der letzten Labeststion mein Handy, das ich normalerweise bei einem Wettkampf nie bei mir trage. Interessanterweise heute schon. Eine kurze WhatsApp an die Familie: ich leide. dauert länger!

Labestation Ötztaler Radmarathon 2018,  Fotograf: Lukas Ennemoser | Ötztal Tourismus

Auf den verbleibenden acht Kilometern bis zur Passhöhe, motivieren mich immer wieder die ehrenamtlichen Helfer, die auch bei diesen Witterungsbedingungen einen exzellenten Job machen. Acht Kilometer. Lächerlich! Letztendlich brauche ich für diese kurze Distanz fast eine Stunde. Endlich sehe ich das Plakat mit der Aufschrift „Jetzt hast du deinen Traum“! Pustekuchen. Nichts geschafft. Nach einer kurzen Abfahrt folgt ein ganz fieser, knackiger Gegenanstieg. Ich will nicht mehr! Als ich auch dieses „letzte Hindernis“ überwunden habe, werde ich von dichtem Nebel, Wind, Regen und Schneegraupel empfangen. Oder fantasiere ich bereits?

Die Abfahrt nach Sölden ist wahrlich keine Freude. Mit klammen Fingern, kalt und nass, erreiche ich das Ziel. Endlich! Geschafft! Insgesamt wurden 3.532 Finisher im Ziel feierlich empfangen, genauso wie ich: frierend, nass und zitternd, aber glücklich.

Und meine Finisherzeit? Die ist mir diesmal tatsächlich völlig egal. Der Stolz, bei diesem Wetter gefinished zu haben, überwiegt eindeutig!

Bleibt bei einem Magazin wie der tritime die Frage, ob Triathlon und Radmarathon zusammen passen? 2008 hatte ich das Glück, bei der Alpen Challenge in Lenzerheide ein Stück mit dem früheren Ironman Weltmeister Faris Al-Sultan zu fahren und mir damals sagte, dass er sich seine Rennhärte fürs Fahrradfahren auf der Langdistanz auch bei solchen Radmarathons holt. Und auch Sebastian Kienle machte in diesem Jahr etwas anderes, und bestritt mit Ben Hoffmann die Cape Epic, das wohl härteste Mehrtages-Mountainbike-Rennen der Welt. Auf die Frage nach dem „Warum?“ kam als Antwort ein „Darum!“ und dass es dabei weniger um das Siegen, aber umso mehr um das Erlebnis geht. Um die neuen, die anderen Eindrücke abseits des Triathlon!

Die Verlosung der Startplätze für den Ötztaler Radmarathon 2019 startet übrigens traditionell im Februar des neuen Jahres. Ich befürchte, ich werde mich wieder bewerben… Und das ist dann wohl der berüchtigte „Ötzi Suchtfaktor“!

Text: Thomas Drechsler
Fotos: Lukas Ennemoser | Ötztal Tourismus

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