Karsten Pfeifer – Die Reha ist mein neues Trainingslager

Karsten Pfeifer bei der Therapie in PforzheimVor knapp zwei Jahren hatte Karsten Pfeifer bei einem Triathlonwettkampf in Österreich einen folgeschweren Unfall. Seit dem ist er querschnittgelähmt. Der 45-Jährige kämpft allerdings weiter um jeden kleinen gesundheitlichen Fortschritt.

 

Im Mai 2016 änderte eine unverschuldete Kollision mit einem Auto während eines Triathlons alles im Leben von Karsten Pfeifer. Seit dem ist er ab dem ersten Brustwirbel komplett querschnittgelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen.

You never walk alone

Im vergangenen Oktober hat der ALZ Sigmaringen zum zweiten Mal für mich einen Fünf-Kilometer-Spendenlauf organisiert, an dem 256 Läufer teilgenommen haben. Ich war selbst vor Ort an der Strecke, um mich persönlich bei allen Helfern und Teilnehmern für ihre Unterstützung zu bedanken. Es war für mich ein schöner Tag mit vielen emotionalen Begegnungen. Für einen kurzen Moment kam auch etwas Wehmut auf, dass ich nicht selbst mitlaufen konnte. Aus Sigmaringen habe ich viel Motivation mitgenommen für meinen weiteren Weg.

Raus aus der Komfortzone

Ich kenne einige Querschnittgelähmte, die sich auch Jahre nach Ihrem Unfall sehr schwer damit tun, das vertraute Umfeld zu verlassen. Das kann ich gut nachvollziehen. Jeder Ortswechsel bedeutet, sich auf eine neue Situation einstellen zu müssen und auch mit gewissen Unwägbarkeiten umzugehen. Wie schwer oder leicht das einem fällt, hängt zu einem großen Teil an den individuellen körperlichen und gesundheitlichen Einschränkungen. Nicht alles lässt sich auf den Spruch „reine Kopfsache“ reduzieren. Um die Risiken zu minimieren, haben wir Ende des letzten Jahres für unsere erste Langstreckenreise seit meinem Unfall den vermeidlich einfachen Weg der Kreuzfahrt gewählt. Einen ausführlichen Erfahrungsbericht findet ihr auf meiner neuen Homepage.

Neuer Fokus

In meinem letzten tritime-Bericht deutete ich an, dass sich meine Visionen Ende des Jahres entscheidend verändert haben. Im September war ich zu Besuch in einem kleinen neurologisch hochspezialisierten Zentrum für Rehabilitation im Baden-Württembergischen Pforzheim. In einem Probetraining konfrontierten mich die Inhaber mit einem völlig anderen Therapieansatz. Einem Personaltraining für neurologische Patienten. Sie stellten mich auf meine Beine und versuchten mit mir ein paar Schritte zu gehen. Schon auf der Rückfahrt war mir klar, dass ich dort unbedingt eine Reha absolvieren möchte. Diese Einrichtung ist einzigartig.

Keine Wunder – nur harte kontinuierliche Arbeit

Auch Ruud Geerlofs, Daniela Dorschner-Geerlofs, Marco Dorschner und ihr Team können keine Wunder vollbringen. Ihr praktizierter I.N.P.U.T.-Therapieansatz zielt trotzdem auf nichts geringeres als die Wiederherstellung motorischer Funktionen ab. I.N.P.U.T. steht für Intensive Neuroplastizität utilisierende Therapie. Seit Januar bin ich jetzt in Pforzheim in Reha oder triathletisch ausgedrückt in einem neurologischen Trainingslager. Meine Tage reduzieren sich auf Therapie, Schlafen und Essen. Ich absolviere täglich ein sechsstündiges Programm mit zwei Therapeuten an meiner Seite. Ohne große Pausen. Das zunächst gesetzte Therapieziel ist, die Aktivierung meiner Rumpfmuskulatur. Aufgrund meiner hohen Lähmungshöhe ist das eine  echt große Herausforderung. Die außerordentlich viel Zeit und Geduld erfordert.

Wir gehen mal eine Runde

Was sich für mich zunächst unvorstellbar anhörte ist hier Therapiealltag. Gehen, als komplett Querschnittgelähmter. Mit geführter Roboterunterstützung hängend im Lokomat konnte ich mir das noch vorstellen. Diesen Roboter kannte ich vom Zuschauen schon aus der Querschnittabteilung im BGU Murnau. Dort wurde mir diese Therapie aber verwehrt. Aufgrund meiner kompletten Querschnittlähmung befand man es für sinnlos, mich darin zu therapieren. In Pforzheim denkt man anders. Offener. Wesentlich offener.

Lokomat in Pforzheim

Deshalb gehört in Pforzheim als Pionier in ganz Europa auch das Vector Gait & Safety System zu meinem Therapieprogramm. Das ist ein Roboter-Computer mit Seilzug in einer Deckenführungsschiene, in dem ich in einem Sicherheitsgurt sturzgeschützt mit Unterstützung eines Rollators und zwei Therapeuten das Gehen übe.

Damit aber noch nicht genug. In Pforzheim versuchen wir sogar das Gehen nur mit Rollator und der Unterstützung von zwei Therapeuten. Hier ein Clip meines ersten Versuchs.

Um keinen falschen Eindruck zu vermitteln, möchte ich betonen, dass auch diese Gehübungen im jetzigen Reha-Stadium in erster Linie die Aktivierung der Rumpfmuskulatur bewirken sollen. Ein wirkliches eigenständiges Gehen ohne ausreichend Rumpf- und Beckenspannung ist schließlich unmöglich.

Wie geht es weiter?

Ich plane bis Ende März in Pforzheim zu bleiben. In den verbleibenden Wochen gilt es auch zu klären, wie ich die erworbenen Fortschritte im heimischen Umfeld konservieren kann, um dann vielleicht im Laufe des Jahres im Rahmen eines weiteren Reha-Aufenthaltes in Pforzheim mir das nächste Level zu erarbeiten.

Never Stop Burning
Euer Karsten

 

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