Storck Bicycle: Form follows Function

In der Rennradszene genießen Storck-Fahrräder aufgrund ihrer hohen Steifigkeitswerte im Tretlager und Lenkkopf und dem damit verbundenen besseren Vortrieb, dem niedrigen Gewicht eines aerodynamischen Rahmens und seiner Formgebung einen sehr guten Ruf.

 

Genügend Gründe, sich mit Markus Storck, dem Gründer und Geschäftsführer der im hessischen Idstein ansässigen Storck Bicycle GmbH, zu unterhalten.

Herr Storck, in einem früheren tritime-Interview zum Aero TT1 gaben Sie zu Protokoll, dass die Verwendung von Rohren mit hohen Querschnitten für mehr Fahrsicherheit und unnachgiebigen Vortrieb sorgt und dabei der Wind besser um Mensch und Maschine geleitet wird. Das Aero 2 hingegen hat diese Eigenschaften nicht mehr. Warum?
Steifigkeit wird heute nicht mehr allein über Rohrquerschnitte generiert. Unsere konstruktiven Ansätze wie „Sectional Aerodynamic Shaping“ und „Directional Depending Stiffness“ ermöglichen uns, hohe Steifigkeitswerte in Verbindung mit besten aerodynamischen Werten bei gleichzeitig hohem Komfort zu erzielen. Abgesehen davon haben auch unsere Aero2-Modelle immer noch relativ hohe Rohrprofile. Was das Verhältnis der Rohrquerschnitte angeht, setzt die UCI im Übrigen klare Grenzen.

In den vergangenen Jahren nahm die Systemintegration – zum Beispiel auf den Gebieten der Bremsen, der Lenkereinheit und der Energieversorgung des Athleten – immer mehr an Fahrt auf. Auf welche weiteren Innovationen dürfen sich die Triathleten freuen?
Systemintegration begleitet unsere Überlegungen bei der konstruktiven Gestaltung der Rahmen schon sehr lange. Wir waren einer der ersten Hersteller, die mit dem Fascenario 0.6 und dem Aero2 Modelle auf den Markt brachten, die sowohl die Vorder- als auch die Hinterradbremse voll integrierten. Der Triathlon-Bereich ist besonders dankbar, wenn es um Innovationen geht: Integration von Leistungsdiagnostik, Schalt- und Trinksystemen und vieles mehr – der Triathlonsport bietet sich für derartige Neu- und Weiterentwicklungen geradezu an. Wir optimieren unsere Rahmen immer weiter, mit dem Fokus auf Aerodynamik und Systemintegration bei gleichzeitigem Leichtbau

Mittlerweile sehen einige Zeitfahrräder mit ihren großflächigen Carbonrahmen-Strukturen aus wie hochgezüchtete Motorräder. Ist das der Trend der kommenden Entwicklungsstufe?
Die Antwort wird wahrscheinlich im Windkanal getroffen werden. Die manchmal schon skurril anmutenden Verkleidungen mögen im Windkanal einige Zehntel an Vorteil bringen, wir glauben aber, dass es mehr Trend und Modeerscheinung ist. Ein paar intelligente konstruktive Veränderungen, besonders im Frontbereich – beispielsweise Gabel, Lenker-/Vorbaueinheit – und der aerodynamisch sinnvollen Rohrkonstruktion ermöglichen gleichzeitig ein deutlich niedrigeres Systemgewicht; Storck-Aero-Räder wiegen zum Teil zwei bis drei Kilogramm weniger als vergleichbare Konkurrenzprodukte. Dieser Gewichtsvorteil macht sich besonders bei Strecken mit entsprechenden Höhenmetern bemerkbar und ist immer existent, unabhängig von der gefahrenen Geschwindigkeit. Wogegen der Faktor Aerodynamik in starker Abhängigkeit zur Geschwindigkeit steht und so nicht immer zur Geltung kommt.

Triathleten sind bekannt dafür, auf der Jagd nach der schnellsten Zeit gerne viel Geld für die neuesten technischen Errungenschaften auszugeben. Ist weniger denn nicht mehr? Schließlich muss so ein Rad – insbesondere bei widrigen Witterungsverhältnissen – auch noch beherrschbar sein!
Das sehen wir auch so. Eine kostenintensive Spezialisierung, die dann aber nur bei optimalen Witterungsbedingungen funktioniert, kann nicht im Interesse der Profi-Triathleten sein und schon gar nicht im Interesse der steigenden Zahl an Age-Groupern im Triathlon. Natürlich nutzen die Hersteller den Profisport für die Präsentation ihrer attraktivsten Rennmaschinen, aber entscheidend ist der Markt für den Triathlon-Normalbürger. Und der braucht eine Maschine mit optimalen Eigenschaften zu einem akzeptablen Preis. Wichtig ist dabei, dass sich die technologischen Highlights der High-End-Räder auch in den Modellen der Mittel- und Einstiegsklasse wiederfinden. Dem werden wir mit unserer Platinum-, Pro- und Comp-Philosophie gerecht. Fast alle unsere Modelle sind jeweils in diesen drei Preiskategorien erhältlich. Allen gemeinsam sind die konstruktiven Gene und Fahreigenschaften und vor allem das geringe Gewicht. Die zum Beispiel von Marino Vanhoenacker immer wieder auf Storck gefahrenen Bestzeiten bestätigen unsere Herangehensweise.

Bei aller Freude an neuen Designs, das oberste Ziel eines jeden Fahrrades ist die Sicherheit des Produktes, insbesondere des Rahmens. Was ist beim Arbeiten mit dem Werkstoff Carbon bei der Entwicklung und Produktion hinsichtlich Sicherheit, Steifigkeit, Aerodynamik und Design zu beachten?
Carbon hat uns erst in die Lage versetzt, diese Aspekte miteinander zu verbinden. Die freie Formbarkeit von Carbon, verbunden mit dem jahrelangen Know-how über den richtigen Umgang mit diesem Werkstoff, erlaubt uns, Rahmen zu gestalten, die nicht nur schön aussehen, sondern auch gleichzeitig mit den gewünschten Eigenschaften in Sachen Aerodynamik, Steifigkeit, Komfort, Gewicht und natürlich auch Sicherheit versehen werden können.

In diesem Zusammenhang stellen viele Triathleten die Sinnhaftigkeit von Scheibenbremsen an einem Zeitfahrrad infrage! Wie stehen Sie dieser Entwicklung gegenüber?
Die Scheibenbremstechnologie bei Straßenrädern steht noch am Anfang. Wobei die Vorteile einer Scheibenbremse auf der Hand liegen und durch die jahrelange Anwendung bei Mountainbikes und nun auch bei Crossrädern hinlänglich bewiesen sind. Die Nachteile, wie zum Beispiel beim Gewicht, verlieren mit fortlaufender Entwicklung der Scheibenbremstechnologie immer mehr an Bedeutung. Das spielt heute schon bei unseren Straßenmaschinen eine wesentliche Rolle in der Produktpolitik und wird auch Einzug bei den Triathlon-Rädern finden.

Welche Auswirkungen hat dieser Trend auf die soeben angesprochenen Eigenschaften Sicherheit, Steifigkeit und Aerodynamik?
Es hat sich erwiesen, dass die Scheibenbremse keine negativen Auswirkungen auf die Aerodynamik hat. In Sachen Sicherheit hat die Scheibenbremse mehr als eine Nasenlänge vorn. Bremsen ohne wetterbedingte Kompromisse, das ist schon ein gewichtiges Argument. Und die Steifigkeit der Rahmen ist konstruktiv längst gelöst. Durch die Verwendung von Steckachsen gewinnen auch die Laufräder und damit das Gesamtsystem an Steifigkeit.

Wann dürfen sich die Triathleten auf ein neues Zeitfahrmodell oder ein futuristisches Designstudio aus dem Hause Storck freuen?
Ohne jetzt schon zu viel zu verraten: Ja, wir arbeiten momentan an einer neuen Triathlon- und Zeitfahrmaschine. Einen Termin oder Details will ich jetzt jedoch noch nicht nennen.

Letzte Frage: Was unterscheidet Storck Bicycle von den großen Playern Ihrer Branche?
Was unterscheidet den Hochseetanker vom Sportboot? Aufgrund unserer Strukturen und Größe können wir uns blitzschnell auf neue Marktanforderungen einstellen. Nicht selten sind wir, bedingt durch unser konstruktiv-kreatives Potenzial, Initiator neuer technologischer Entwicklungen und Standards innerhalb der Bikebranche. Unsere Fokussierung auf Technik und Design macht unsere Räder zu etwas Besonderem. Wir sind immer noch eine eigentümergeführte Marke mit unverkennbarem Profil und Image. Ein wesentlicher Unterschied ist auch unsere auf Langfristigkeit ausgelegte Modellpolitik. Wir möchten unsere Kunden und Partner nicht mit einem jährlich neuen Produktprogramm überfordern, sondern verbessern und entwickeln unsere Modelle auch über Jahre stetig weiter. Storck-Produkte sind gekennzeichnet von hoher Wertbeständigkeit und gleichfalls einem hohen Innovationsgrad. 2016 wurden wir beispielsweise mit dem „German Brand Award“ in Gold geehrt, eine Auszeichnung, verliehen vom Rat für Formgebung, die uns bescheinigte „eine außergewöhnliche“ Marke zu sein.

Herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

Interview: Klaus Arendt
Foto: Storck Bicycle GmbH

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