Cervélo P5X-Produktlaunch: ein Jahr später!

Vor einem Jahr präsentierte Cervélo im Rahmen der Ironman World Championship das Zeitfahrrad P5X der Öffentlichkeit. Wir unterhielten uns mit Jürgen Kallnbach, Senior Brandmanager Cervélo, über die Neuentwicklung des Jahres 2016.

 

Herr Kallnbach, unmittelbar nach der Präsentation des P5X schlugen die Wellen – basierend auf Fotos und technischen Details – in den sozialen Netzwerken hoch. Wie sehr schmerzen in diesem Zusammenhang Aussagen wie „abgrundhässlich“ oder „um das zu fahren, müssen die mir Geld bieten“?
Ganz im Ernst, ich persönlich hätte das nicht so erwartet, vor allem weil zum Teil an den Haaren herbeigezogene Vergleiche oder Kommentare gebracht wurden. Aber zum anderen war und ist uns klar, dass das P5X nicht das Rad für jedermann ist und sein kann. Wir wussten, dass wir mit diesem Triathlonrad stark polarisieren, und es ist auch vollkommen okay, wenn jeder dazu seine Meinung abgibt. Aber das Schöne ist, dass wir eine enorme Nachfrage nach dem P5X haben. Es zeigt, dass das Konzept und der gesamtheitliche Ansatz der richtige Weg ist. Cervélo war schon immer etwas anders und wird es immer sein. Viele innovative Entwicklungen gingen von dieser Marke aus, und ich bin mir sicher, dass vieles, das heute am P5X kritisch gesehen wird, schon bald Standard ist.

Der Startschuss für das P5X fiel bereits 2013! Wie lautete die Zielsetzung für das Projekt?
Wir wollten DAS ultimative Triathlonbike auf den Markt bringen. Und deshalb stand zu Beginn des Entwicklungsprozesses auch fest, dass es sich dabei um ein reines Zeitfahrrad für Triathleten handeln sollte, bei der die im Straßenradsport einzuhaltenden UCI-Boxen bei der Rahmengestaltung obsolet sind.

In der klassischen Betriebsorganisation beginnen Projekte mit den Phasen „Ist-Erhebung und Ist-Analyse“. Welche Aufgaben haben die Entwicklungsingenieure in diesem Zusammenhang erledigt?
Unsere Designer werteten – bevor überhaupt die erste technische Zeichnung erstellt wurde – insgesamt 14.500 Radfotos aus, die weltweit bei zehn verschiedenen Ironman- und Ironman-70.3-Rennen aufgenommen wurden. Ergänzt wurde diese Analyse durch viele Gespräche mit Profis, Trainern, Altersklassenathleten, Bike-Fittern und Händlern, um auch deren Bedürfnisse zu berücksichtigen.

Was waren die überraschendsten Erkenntnisse dieser ersten Projektphasen?
Das absolut Überraschendste bei der Auswertung war, dass NUR 3,8 Prozent aller Befragten das identische Set-up – „most popular set-up“ – wollten oder benutzt haben. Das bedeutete: Wir standen vor der unglaublichen Herausforderung, ein Rad zu bauen mit noch nie dagewesener Individualität, um allen Triathleten und unterschiedlichsten Ansprüchen gerecht zu werden.

Caroline Steffen wurde bereits sehr früh in den Entwicklungsprozess eingebunden. Welche Aufgaben hat sie übernommen?
Zu allererst haben wir Caroline intensiv befragt, viele Gespräche geführt und ihre jahrelangen Erfahrungen in das Projekt einfließen lassen. Dann hat Sie natürlich das Rad Probe gefahren und immer wieder Feedback gegeben – bis hin zu ausgiebigen Tests und Tests und Tests.

Das Ergebnis ist eine Rahmenform, die auf dem ersten Blick sehr stark an den ehemaligen Fahrradhersteller Softride erinnert. Welche Gründe waren ausschlaggebend für diese Formgebung?
Auf dem ersten Blick mag dieser Vergleich vielleicht zutreffen, aber es ist ein komplett anderer Ansatz. Das P5X ist alles andere als ein Softride, es hat eine unglaubliche Fahrqualität, aber ist nicht weich und es schwingt auch nicht. Der Hauptgründe für das Design waren die Position der Trinkflaschen, Aerodynamik und der 360-Grad-Ansatz – also jedes Detail zu beleuchten und das beste Gesamt-Paket zu entwickeln, also das „Personal Best“.

Was waren die technisch größten Herausforderungen beim Design, der Entwicklung des Prototyps, den ersten Testfahrten und der finalen Umsetzung?
Zu allererst die Platzierung der Trinkflaschen! Hier haben wir sehr viel Zeit und Tests investiert. Die Athleten sollen sich ja verpflegen können, ohne aus der Aero-Position zu gehen. Somit ist es eine Kombination aus mehreren Faktoren, die hier beachtet werden musste: Aerodynamik, Trinkflaschenposition und zu guter Letzt, wie der Rahmen konzipiert ist, das heißt, die Carbonstruktur musste für das Design optimiert werden.

 

 

Etliche Triathleten achten bei der Wahl ihres Equipments penibel auf jedes Gramm. Das P5X ist – verglichen mit Zeitfahrkonzepten einiger Mitbewerber – schwerer! Kann dies nicht beim Verkaufsgespräch als Nachteil ausgelegt werden?
Bei diesem Thema gilt es wie immer, Äpfel mit Äpfeln zu vergleichen, soll heißen, dass man immer ein Wettkampf-ready-Triathlonrad mit dem P5X vergleichen muss. Das P5X bietet so viel Stauraum und Individualität, das sollte man bei den Vergleichen beachten. Das P5X mag eventuell auch etwas mehr Gewicht wie andere Räder haben, aber man muss wissen, dass Gewicht nicht an oberster Priorität bei der Entwicklung des Rades lag. Aufgrund der Recherche haben wir vor allem auf die Persönlichkeit und Individualität der Triathleten geachtet und natürlich auf Aerodynamik. Wir könnten jetzt auch noch wissenschaftlicher auf die Frage eingehen: Was ist schneller? Weniger Gewicht oder bessere Aerodynamik? Aber das sprengt wahrscheinlich den Rahmen. Nur so viel, für fast alle Kurse und Fahrer ist Aerodynamik wichtiger als das Gewicht, um letztendlich schneller zu sein.

Cervélo bezeichnet das P5X als das schnellste und technisch fortschrittlichste Triathlon-Zeitfahrrad aller Zeiten. Nennen Sie hierfür die wichtigsten Argumente!
Am wichtigsten ist es hier wieder, zu erwähnen, dass das P5X das Ergebnis unserer jahrelangen Recherche ist. Es geht auf die Wünsche und Bedürfnisse der Triathleten ein und bietet eine noch nie dagewesene Flexibilität und Individualität. Jeder kann sein Set-up so wählen, wie er es braucht oder gerne hätte, und das ohne Einbußen in der Aerodynamik oder Performance. Das P5X ist DAS Triathlon-Wettkampfrad!

Die amerikanischen Unternehmen Enve und Hed sind Cervélos strategische Partner bei der Entwicklung und Produktion des P5X. Die Rahmenproduktion erfolgt – im Gegensatz zu fast allen anderen Herstellern – auch in den USA. Welche Gründe sprachen gegen Asien, und warum fiel die Wahl auf diese beiden Firmen?
Diese Lösung verspricht uns mehr Flexibilität im Entwicklungs- und Produktionsprozess. Wir haben mit Hed und Enve zwei ausgesprochene Spezialisten im Carbonbau in der Fahrradbranche gewonnen, mit denen wir schon länger vertrauensvoll zusammenarbeiten. Beide Marken sind Spezialisten im Carbonbau und haben ihre Stärken auf ihrem Gebiet, daher auch die Aufteilung. Zum anderen wollten wir das Know-how nicht aus der Hand geben, und da bietet sich dieser Weg an.

Triathleten wird nachgesagt, dass sie nicht so gut Rad fahren können. Das P5X bietet bei böigen Seitenwinden – besonders in Kombination mit Hochprofillaufrädern – eine sehr große Angriffsfläche. Eignet sich das P5X somit nur für diejenigen, die fahrerisch in der Lage sind, das Rad bei allen Bedingungen zu beherrschen?
Erst einmal glaube ich, dass viele Triathleten sehr gut Rad fahren können! Aber natürlich ist die Position auf einer Zeitfahrmaschine immer eine besondere, und das gilt für alle Marken. Das P5X ist erstaunlich gut zu beherrschen, auch bei Seitenwind und etwas widrigen Bedingungen. Das ist das Feedback unserer Triathleten, die das P5X auf Hawaii gefahren sind. Übrigens sind fast alle von ihnen circa eine Woche vor Hawaii mit dem neuen Rad konfrontiert worden, alle haben es nach Ihren Tests das Rad freiwillig im Wettkampf gefahren.

Im Oktober 2015 wurde die Kampagne „product launch in 226 days“ gestartet. Bereits vier Monate später wurde dieser imageträchtige Countdown gestoppt. Warum?
Das ist recht einfach zu erklären: Wir haben gemerkt, dass wir noch einige Kleinigkeiten überarbeiten mussten. Da wir aus der Vergangenheit gelernt haben und kein Rad mehr launchen werden, ohne eine gewisse Verfügbarkeit am Lager haben, wurde das Projekt verschoben. Natürlich war das schade, aber wenn man sieht, wie perfekt der Launch zu Kona lief, haben wir alles richtig gemacht.

Die Triathlonszene diskutiert die Sinnhaftigkeit von Scheibenbremsen an einem Zeitfahrrad ebenso kontrovers wie emotional. Warum hat Cervélo sich beim P5X für Scheibenbremsen entschieden?
Ja, das ist aktuell eine der am meisten diskutierten Fragen überhaupt. Und natürlich war und ist es uns wichtig, die Bremsperformance zu nutzen, aber viel wichtiger ist die Flexibilität beim Design. Wir sind jetzt in der Lage, ganz andere Räder mit völlig anderen Design-Lösungen zu bauen – immer unter der Prämisse, unsere Athleten schneller zu machen und die Räder zu verbessern. Das ist übrigens auch der wichtigste Grund für uns, um bei Straßenrädern mit Scheibenbremsen zu arbeiten.

Letzte Frage: Um auf Reisen nicht auf das eigene Zeitfahrrad verzichten zu müssen, wurde – gemeinsam mit einem weiteren Partner – eine spezielle P5X-Transporttasche entwickelt. Was verspricht sich Cervélo von diesem in der Branche neuartigen Weg? Und ist die Tasche auch kompatibel für andere Zeitfahrräder anderer Hersteller?
Nach unserer umfassenden Umfrage und Recherche wurde schnell klar, dass das größte Problem für reisende Triathleten das Verpacken des Rades ist. Zum anderen ging und geht es uns immer um einen 360-Grad-Ansatz, bei dem wir uns alle Räder gesamtheitlich anschauen. Beim P5X wurde schnell klar, dass wir hier eine Custom-Lösung finden müssen. Natürlich kann die Tasche auch für andere Disc-Räder eingesetzt werden.

Herzlichen Dank für den interessanten Einblick in die Entwicklung des neuen Zeitfahrrades.

Zahlen – Daten – Fakten

Interview: Klaus Arendt
Fotos: Cervélo Cycles

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.