Wie geht es Karsten Pfeifer?

Triathlet Karsten Pfeifer kämpft auch im Rollstuhl weitrZehn Monate war Triathlet Karsten Pfeifer nach seinem Unfall und seiner Querschnittslähmung im Krankenhaus. Seit März ist der 44-Jährige wieder in den eigenen vier Wänden und versucht, seinen Alltag neu zu organisieren.

 

Im Mai 2016 kollidierte Karsten Pfeifer während eines Mitteldistanztriathlons bei Graz auf dem Rad unverschuldet mit einem Auto, das ihm die Vorfahrt nahm. Die tritime berichtete von dem Unfall und begleitet Karsten seither auf seinem Weg.  Der 44-Jähgrige ist seither ab dem ersten Brustwirbel komplett querschnittgelähmt, das heißt er kann von der Brust abwärts keinen Muskel bewegen und hat in diesem Bereich keinerlei Empfindungen. Im März dieses Jahres wurde der Triathlet aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen. Wir haben nachgefragt, wie die erste Phase der Orientierung und Eingewöhnung im Alltag verlief. Karsten berichtet.

Fremdeln in der Heimat

Wenn ich auf die ersten vier Wochen zuhause zurückblicke bin ich überrascht, wie fremd mir mein ehemals vertrautes häusliches Umfeld nach zehn Monaten Krankenhaus und der veränderten Lebenssituation anfangs doch war. Kurz vor meiner Entlassung konnte ich mir nicht recht vorstellen, wie meine Lebensgefährtin Silvia und ich die Umstellung aus dem geschützten Umfeld des Krankenhauses meistern sollten. Nach all den Rückschlägen war mir mein Selbstvertrauen abhandengekommen. Aber Silvia gab mir mit ihrem unumstößlichen Urvertrauen – dass wir das schon hinbekommen – Halt und von Tag zu Tag mehr Zuversicht. Heute kann ich mir dagegen nicht mehr vorstellen, wie ich es so lange im Krankenhaus ausgehalten haben.

Routinen + Struktur = Halt

Da ich für alle Handgriffe in unserer  Rollstuhl-ungeeigneten Wohnung  deutlich länger und öfter mehrere Anläufe brauche, kommt unter Zeitdruck bei mir schnell Stress auf, den ich körperlich noch immer nicht wirklich gut toleriere. Im zweiten Monat zuhause versuchte ich, schrittweise Routinen zu etablieren, meinem Alltag eine Struktur zu geben und vorausschauender zu agieren. Da ich es bisher gewohnt war, vieles schnell zu erledigen, hält die Umgewöhnung an diese neue Geschwindigkeit noch an. Manches ist einfach schwer zu akzeptieren. Alles in allem klappt es von Monat zu Monat aber immer besser.

Mühsame Ursachensuche

Reibungslos verliefen die ersten drei Monate zuhause in gesundheitlicher Hinsicht leider nicht. Immer wieder bekam ich Probleme mit Harnwegsinfekten und leichten Hautverletzungen am Gesäß. So verbrachte ich dreimal je eine Woche lang liegend auf dem Bauch im Bett, um alles wieder in den Griff zu bekommen und nicht wieder ins Krankenhaus zurück zu müssen. Meine zweieinhalbmonatige durchgängige Liegephase im Sandbett im Sommer 2016 ist mir als Mahnung noch sehr deutlich in Erinnerung. Diese Baustellen und deren Ursachenforschung beschäftigen mich noch heute und sind meine oberste Priorität, denn ohne die Stabilisierung dieser Bereiche kann ich keine echten Fortschritte in anderen Lebensbereichen machen.

Unergründliches Gesundheitswesen

Vom Gesundheitswesen wird man in dieser Phase ziemlich alleine gelassen. Ohne Silvias Unterstützung, die für die ersten sechs Wochen nur noch halbtags gearbeitet hat, um sich auch tagsüber um mich kümmern zu können, wäre ich aufgeschmissen gewesen. Die Begutachtung meiner Pflegestufe erfolgte erst im April, also vier Wochen nach meiner Heimkehr. Wie wir in der Zwischenzeit über die Runden kommen interessierte keinen. Und die Krankenversicherung lehnte die Kostenübernahme für alle Hilfsmittel ab, auf die ich vom ersten Tag an angewiesen war, um im häuslichen Umfeld überhaupt überleben zu können. „Nicht alles was dir das Leben erleichtert, ist ein Hilfsmittel im Sinne der Krankenversicherung“, war die lapidare Begründung des Sachbearbeiters. Dagegen wäre es kostenmäßig kein Problem gewesen, sich für 1.000 Euro am Tag noch für ein paar Wochen im Krankenhaus häuslich einzurichten. Ich nenne das Realsatire.

Therapien

Von Beginn an war es mein Ziel, nahtlos zuhause mit Therapien und Training durchzustarten. Auch das musste ich im Wesentlichen selbst auf die Beine stellen. Ich hatte allerdings unterschätzt, wie schwierig es auch in München ist, rollstuhlgerechte Trainingsmöglichkeiten und geeignete Physiotherapeuten mit neurologischer Zusatzausbildung zu finden, die auch noch über freie Kapazitäten verfügen. Es kostete mich schlappe zwei Monate, einen dreimal wöchentlichen Therapie- und Trainingsblock zu organisieren. Was mir auch sehr negativ auffällt ist die Tatsache, dass alle Maßnahmen für komplette Querschnittgelähmte darauf ausgerichtet sind uns auf das neue Leben im Rollstuhl vorzubereiten, aber keine einzige darauf abzielt Nerven und Muskelsteuerung zurückzugewinnen, um einen eventuell wieder aus dem Rollstuhl rauszubringen. Auch hier ist man komplett auf sich alleine gestellt und viele Experten auf diesem Gebiet gibt es leider weltweit nicht.

Barrieren

Durch gute Organisation und vorausschauendes Denken kann man auch im Rollstuhl viel ermöglichen. Aber gegen ungeplante Außeneinflüssen ist man macht- und manchmal hilflos. Wir wohnen im zweiten Stock. Im Mai ist gleich zweimal der Aufzug ausgefallen. Einmal als ich aus der Wohnung raus und einmal als ich in die Wohnung zurück wollte. Gerade im zweiten Fall hatte ich das riesige Glück, dass ich drei Leute fand, die zufällig in der Nähe waren und mich samt Rollstuhl mühsam in den zweiten Stock tragen konnten. Auch meine erste U-Bahn und S-Bahn Fahrt in München war lehrreich. Ohne Begleitung wäre ich nicht aus den Bahnen rausgekommen, da der Höhen- und Seitenabstand zwischen den Waggons und den Bahnsteigen manchmal überraschend groß sein kann. Beides ist nämlich nicht genormt.

Ausblick

Pünktlich zum Sommerbeginn werde ich voraussichtlich mein Adaptivbike bekommen. Das ist ein Antriebsrad mit einer Handkurbel, das vor den Rollstuhl gespannt werden kann. Wenn das Fitting passt und die Haut es zulässt, werde ich damit sukzessive meinen Aktionsradius erweitern und mich noch besser körperlich betätigen können. Von Sport spreche ich hier allerdings noch nicht. Ein Schritt nach dem anderen.

Keep on burning
Euer Karsten

Der neue Lebensweg ist für Triathlet Karsten Pfeifer nicht einfach, aber er lässt sich nict unterkriegen

Text: Karsten Pfeifer
Fotos: privat

4 Gedanken zu “Wie geht es Karsten Pfeifer?

  1. Der Artikel hat mich tief berührt. Welch banale Probleme michso täglich dagegen beschäftigen.Ich wünsche Karsten immer wieder diesen Mut und die Zuversicht.Alles alles Gute. Liebe Grüsse aus demHarz von Birgit

  2. Ja, ich kann Karsten da nach fühlen. Gerade Bordsteine sind meistens mit dem Rollstuhl sehr eklig. Die Krankenkassen sind auch sehr freundlich und wenn man meint man wäre versichert…..fängt immer ein Drama an. Zivilklagen dauern viel zu lange und geben anderen viele Möglichkeiten.

  3. Lieber Karsten, ich denke sehr oft an Dich und bewundere Deine Ausdauer, Zuversicht, Kraft und Deinen Mut. Ich wünsche Dir, dass es nicht allzu lange dauern wird, bis Du Deine nächsten Ziele erreichen kannst. Herzliche Grüße aus Mainz
    Deine Cousine Elke