Stryd-Test: Running Power – Proof of Principle

Stryd und Garmin SetWattmessung beim Laufen. Test Nummer 2. Es geht ans Eingemachte. Michaela Renner-Schneck, selbst Athletin und Trainerin, analysiert mit Hilfe des Stryd-Powermeter unterschiedliche Laufeinheiten.

 

Hallo zusammen, wie versprochen melde ich mich wieder von der Technik-Test-Front. Inzwischen habe ich doch einige Trainingseinheiten mit der Kombi aus Stryd Powermeter und dem Garmin Forerunner 735XT absolviert und meine inzwischen mir eine Meinung erlauben zu können.

In meinem letzten Bericht habe ich bereits dargestellt, wie man aus den beim Lauftraining gesammelten Daten einen schönen Datensatz erstellen kann. Jetzt kann es also ans Eingemachte, sprich an die detaillierteren Analyse der Trainingsdaten gehen. Das will ich hier an dieser Stelle zunächst anhand vierer beispielhafter Trainingseinheiten tun, welche ich mit Hilfe der Trainingssoftware „GoldenCheetah“ graphisch dargestellt habe.

STRYD_LaufanalyseIm Folgenden soll dabei in erster Linie um ein proof of principle gehen – sprich, um die Frage, bilden die Daten plausibel das jeweilige Trainingsszenario ab? Abschließend will mich aber auch bereits an einige vorsichtige Aussagen wagen hinsichtlich des Nutzens von Lauf-Leistungsdaten für die Trainingssteuerung und -planung.

HR hängt hinter her
In der oben dargestellten Graphik ist sehr schön zu erkennen, dass bereits bei dem moderaten gleichmäßigen Tempo eines LDL (Graphik A) Leistung und Herzfrequenz zwar in ihren Verlauf korrelieren, die Watt-Leistung aber deutlich „empfindlichere“ Schwankungen in der erfolgten Leistungsabgabe wiederspiegelt.
Noch viel deutlicher wird dieser Aspekt, wenn man sich die Bahn-Intervalle (Graphik B) betrachtet. Hier ist sehr eindrücklich zu sehen, wie die Leistung in W die Belastungsspitze durch die Beschleunigung aus der Ruhe gleich zu Beginn des Intervalls unmittelbar wiedergibt, während die Herzfrequenz verzögert reagiert und solche „Beschleunigungsspitzen“ im Grunde gar nicht wiederspiegelt (zumindest bei trainierten Individuen 😉 ). Sehr schön nachvollziehbar ist dieser Effekt auch in der Darstellung der Bergan-Intervalle (Graphik C) und bei Betrachtung Runden 2 und 9 des TDL (Graphik D), in denen auf flachem Terrain in kurzen Abstand 10-Sekunden-Sprints absolviert wurden. Hier zeigt sich besonders eindrücklich eine klare Stärke der Wattmessung beim Laufen, wenn es um kurze Maximalbelastungen nach dem HIIT-Prinzip geht. Allein anhand der Herzfrequenz lässt sich eine solche HIIT-Sequenz nicht differenziert analysieren. Der Sinn des HIIT-Trainings besteht ja quasi darin, dass die HF während der kurzen Belastungspausen nicht wieder heruntergefahren wird und die HF-Kurve somit lediglich einen einzigen Peak gleichmäßigen aufweist, während die erbrachte Leistung jedoch erheblich schwankt.

Beschleunigung braucht Power
Ein weiterer interessanter Proof-of-principle Aspekt wird deutlich bei Betrachtung der beiden Intervall-Trainings (Graphiken B+C): Wie dem ein oder anderen aus dem Physik-Unterricht vielleicht noch geläufig sein dürfte, braucht Beschleunigung mehr Power als eine gleichförmige Bewegung – auch bergan. Die Leistungskurve fällt also, ist die Beschleunigungsarbeit erst mal erbracht, trotz mehr oder weniger konstanter Geschwindigkeit wieder ab. 
Der Leistungspeak am Schluss der dargestellten Bergan-Intervalle ist auf einen circa 15-Meter-Schlusssprint zurückzuführen, welchen man auch sehr schön anhand der Geschwindigkeitskurve nachvollziehen kann.

Speed braucht Power
Bleibt noch ein weiterer – vielleicht der zentrale – Punkt auf der Proof of principle Checkliste: Geschwindigkeit braucht Power.
Dass der Stryd-Powermeter diesen physikalischen Zusammenhang sauber aufzeichnen kann, ist besonders schön in der Graphik D des TDL zu sehen. Hier wurde in mehr oder weniger komplett flachem Terrain ein Dauerlauf in verschiedenen Tempobereichen durchgeführt und in der Tat korrelieren Leistungs- und Geschwindigkeitskurve wie zu erwarten war nach dem Motto ‚je schneller desto mehr Power’. Auch die bereits erwähnten 10-Sekunden-Sprints in Runde 2 und 9 sind hierbei keine Ausnahme.

Fazit:
Zugegeben, für eine belastbare abschließende Aussage bezüglich der Verlässlichkeit und somit des praktischen Nutzens von Lauf-Leistungsdaten für die Trainingssteuerung und –planung reichen meine bisher gesammelten Daten nicht wirklich aus. Hierfür wäre auf jeden Fall eine fundierte Analyse anhand von Langzeitmetriken erforderlich – im Optimalfall inklusive (Trainings-)Rennen und/oder Leistungstest.
Nichtsdestotrotz würde ich mich auch schon jetzt zu folgender subjektiver Einschätzung hinreisen lassen: Die Leistungsmessung in Watt eignet sich hervorragend zur Belastungssteuerung direkt an Ort und Stelle im Training. Fast noch mehr jedoch retrospektiv zur Trainingsauswertung. Aus den gesammelten Leitungsdaten ergibt sch ein sehr präzises Abbild der Trainingsbelastung – sowohl hinsichtlich einzelner Einheiten als auch mit Blick auf die Gesamtbelastung. Daher stellt meines Erachtens gerade die längerfristige, kontinuierliche Aufzeichnung von Leistungsdaten ein extrem wertvolles Instrument zur Trainingsplanung dar, insbesondere unter dem Aspekt mögliche Überlastungen oder Unterforderungen im Training erkennen und darauf reagieren zu können. Außerdem können physiologische Formveränderungen nachvollzogen und in bedingtem Ausmaß auch voraus geplant werden. Bei letzterem ist meiner Ansicht nach allerdings Vorsicht geboten. Die Leistungsmessung mag vielleicht geeignet sein, um z.B. in einem Pool von Sportlern zum Anfang ihrer Laufbahn besondere Talente erkennen zu können, zur Prognose einer Wettkampfleistung in einer komplexen Sportart wie Triathlon – oder auch nur Laufen – ist sie allerdings weniger geeignet. Hier spielen einfach zu viele weitere Faktoren wie Motorik, Reaktion, Gleichgewicht oder auch die Regenerationsfähigkeit/Belastungsverträglichkeit im Training und nicht zu Letzt mentale Fähigkeiten eine entscheidende Rolle. Kurz gesagt: Es ist letztendlich nicht entscheidend, wer die meiste Power generiert, sondern wer seine Power am effizientesten einsetzt und am schnellsten im Ziel ist.

Ausblick
In diesem Sinne – ich hoffe ihr fandet mein proof-of-principle überzeugend. In meinem nächsten Testbericht in Sachen Leistungsmessung will ich mich mit der Frage nach der Vergleichbarkeit zwischen Leistungsdaten und darauf basierten Trainingsvorgaben beim Radfahren und Laufen beschäftigen. Zuvor aber werde ich euch in einem gesonderten Artikel von meinen Erfahrungen mit dem Garmin Forerunner 735XT berichten – ein derartig vielseitiger Trainingscomputer hat mehr „verdient“, als nur Mittel zum Zweck zu sein.

Ihr hört also von mir – wenn ihr denn mögt.

Sportliche Grüße
Die Rennschnecke

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