Jan Sibbersen im Gespräch

Längst sind die Zeiten vorbei, in denen die Neoprenanzüge den Triathleten einfach nur Schutz gegen das kalte Wasser bieten sollten. Mittlerweile handelt es sich um hoch entwickelte Hightech-Sportgeräte mit einer leicht veränderten Zielsetzung: den Schwimmern zu noch schnelleren Zeiten zu verhelfen.

tritime | Leidenschaft verbindet ‒ Chefredakteur Klaus Arendt traf in Pfungstadt den Gründer und Geschäftsführer der Marke sailfish, Jan Sibbersen, und unterhielt sich mit ihm über das „schwarze Gold aus Kautschuk“. Der gebürtige Coburger war während seiner aktiven Zeit als Triathlon-Profi der schnellste Ironman-Schwimmer der Welt. Beim Ironman in Frankfurt hat seine Bestzeit aus dem Jahre 2004 noch immer Bestand: 42:17 Minuten über 3.800 Meter im Langener Waldsee.

Jan, die Zeiten, in denen die Neoprenanzüge die Triathleten in erster Linie vor dem Auskühlen bewahren sollten, sind längst vorbei. Die Werbebotschaften der Hersteller konzentrieren sich mittlerweile auf die Bereiche Flexibilität, Auftrieb, Widerstandsoptimierung und natürlich die verarbeiteten Materialien. Was genau verbirgt sich hinter dem „schwarzen Gold aus Kautschuk“?
Beim reinen Neoprenmaterial handelt es sich, stark vereinfacht ausgedrückt, um eine dehnfähige Gummimasse mit winzigen eingeschlossenen Luftbläschen, die für den Auftrieb im Wasser und im angezogenen Zustand für den Wärmeerhalt sorgt. Je dicker das Material, desto mehr Auftrieb entsteht und umso besser isoliert der Anzug den menschlichen Körper gegen Kälte. Neben einer ausgefeilten Schwimmtechnik, entsprechender Kraftausdauer und guter Kondition hat der Neoprenanzug den größten Anteil an guten Schwimmergebnissen. Allerdings ist eine zu dicke Neoprenschicht auch weniger dehnbar und wirkt – auch aufgrund der resultierenden zu hohen Wasserlage – doppelt kontraproduktiv. Eine ausgezeichnete Flexibilität im Schulterbereich ist gerade beim Kraulschwimmen unverzichtbar. Dünnes Neopren hingegen bietet weniger Kälteschutz, generiert wenig Auftrieb und kann zudem empfindlicher für Risse und Abschürfungen sein.

Und genau da sind die Produktdesigner gefragt. Was macht deren Arbeit so besonders?
Zusammen mit unserer Produktmanagerin bin ich an jeder Produktentwicklung unseres Hauses federführend beteiligt. Wir bewegen uns immer in einem Spannungsfeld zwischen dem technisch Machbaren, dem Nutzen für den Athleten und natürlich den  Kostenaspekten. Ich muss als Unternehmer darauf achten, dass die Kosten nicht den Rahmen sprengen und die Endprodukte bezahlbar bleiben. Gleichzeitig ist es jedoch auch entscheidend, dass bei der Weiterentwicklung der Anzüge die Kreativität und Experimentierfreudigkeit der Designer nicht auf der Strecke bleiben. Ansonsten würden die Anzüge wohl immer noch so aussehen wie vor 25 Jahren. Verschiedenste Oberflächenbeschichtungen zum Beispiel entwickeln heutzutage weniger Reibungswiderstand im Wasser als die menschliche Haut, sind aber auch nicht günstig. Des Weiteren haben sich die Innenmaterialien enorm weiterentwickelt. Letztere definieren nicht nur die Flexibilität des jeweiligen Neopren-Paneels, sondern sind auch entscheidend für den Tragekomfort auf der Haut des Athleten. Im Entwicklungsprozess spielen also viele kleine Puzzleteilchen eine wichtige Rolle, die es gilt, zu einem Gesamtkunstwerk zusammenzusetzen.

Wie lange dauert eigentlich die Entwicklung eines komplett neuen Modells?
Bei sailfish veranschlagen wir hierfür ein gutes Dreivierteljahr, nehmen uns aber auch gerne mehr Zeit, wenn wir dies für notwendig erachten. Vom Konzept des Anzuges über die ersten Entwürfe für das Paneel-Design, der Auswahl der Materialien in den Bereichen Neopren, Beschichtung und Innenleben, der Definierung der Neoprenstärken, der Entscheidung über das Grafikdesign sowie des Modellnamens bis hin zur Verpackung vergeht eben Zeit. Besonders spannend sind die Tage, an denen die Prototypen aus der Produktion bei uns eintreffen und wir endlich damit ins Wasser dürfen, um die konzeptionierten neuen Eigenschaften hautnah zu testen. Erst wenn das gesamte Team, auch unter Einbindung einiger Profi-Athleten, zufrieden ist, erfolgt die Freigabe zur Produktion.

Erinnerst Du Dich noch an Deinen allerersten Neo, den Du zu Deiner aktiven Zeit getragen hast?
Das ist schon sehr lange her, ich glaube das war 1990. Damals kaufte ich mir für 200 D-Mark einen gebrauchten Quintana Roo, dieser war komplett schwarz und hatte lediglich am Kragen ein kleines aufgedrucktes Logo. Aus heutiger Sicht verfügte der Anzug im Schulterbereich jedoch schon über eine ganz passable Flexibilität.

Was hat sich verändert in diesen fast 25 Jahren?
Eine Menge! Früher bestanden die Anzüge im Wesentlichen aus circa zehn unterschiedlichen Paneelen für Brust, Rücken, Arme, Beine und Schulter. Das Neopren selbst war oft zwei beziehungsweise fünf Millimeter dick. Dazu kam der von unten nach oben zu schließende Reißverschluss, und fertig war der Anzug. Heute besteht die Kunst darin, auf jedem Preispunkt die bestmögliche Kombination aus verarbeitetem Neopren, Innenmaterial und Neoprendicke zu finden. Ein passender Anzug soll nicht nur vor Kälte schützen, sondern auch dem Schwimmer zu schnelleren Zeiten verhelfen und wie eine zweite Haut sitzen. Diesen Maximen kommen wir Stück für Stück näher. Aber auch heute sind noch Fehlentwicklungen im Markt zu beobachten. Suboptimal angebrachte Klettverschlüsse können zu Verwulstungen im Nackenbereich führen. Unangenehme Scheuerstellen und Hautabschürfungen sind die logische Konsequenz, die dann nicht nur bei der Auftaktdisziplin stören. All dies führt dazu, dass die heutigen Neoprenanzüge aus bis zu 30 ergonomisch angepassten Paneelen bestehen, Modelle für Triathletinnen inklusive. Neben der Formgebung hat es in den letzten Jahren insbesondere auf den Gebieten des Innenmaterials und der Oberflächenbeschichtung die meisten Fortschritte und Innovationen gegeben, auch dank der großen Konkurrenz unter den Herstellern dieser Materialien. Ganz im Gegensatz zum eigentlichen Neopren. Hier beherrscht die japanische Firma Yamamoto seit Jahren einen Großteil des Weltmarktes, was der Branche aus meiner Sicht nicht sonderlich dienlich ist.

Dafür haben immer mehr Konstruktionen zur Verbesserung der Wasserlage oder zur Erhöhung der Wasserverdrängung Einzug gehalten. Fluch oder Segen?
Auf diesem Gebiet verfolgt jeder Neoprenanzughersteller seine eigene Philosophie, ob und wie viele dieser Innovationen an den unterschiedlichsten Stellen verarbeitet werden. Um der Vielzahl und den teilweise abenteuerlichen Zusatzanbringungen Einhalt zu gebieten, hat die Internationale Triathlon Union einheitliche Regelungen für die Unterarmpaneele erstellt, die ab 2016 für alle Hersteller und Wettkämpfe bindend sind. Wir bei sailfish produzieren jetzt schon im Rahmen dieser Richtlinien.

Teil 2 des Interviews

Weitere Informationen zum Thema „Schwimmen“ finden Sie im Internet unter:
www.tritime-magazin.de/tag/schwimmen

Foto: sailfish.com

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