Anti-Doping: Der Kampf gegen die Windmühlen (Teil 3)

tritime | Leidenschaft verbindet-Chefredakteur Klaus Arendt und die freie Redakteurin Kerstin Müller unterhielten sich im Juni 2014 in Mainz mit dem Sportmediziner und Molekularbiologen Professor Dr. Dr. Perikles Simon.

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hier geht es zum zweiten Teil des Interviews

Wie eng arbeiten eigentlich Pharmaindustrie und Dopingjäger zusammen? Existieren nicht – ähnlich wie bei den Steuersündern – geheime Dopingmittel-CDs oder Sünderkarteien?
Die Hintermänner des Dopingmittelgeschäfts agieren inzwischen auf einem ähnlich professionellen Level wie die Geldwäschebetriebe. Sie werden da im Moment nichts finden, zumindest keine konkreten Hinweise, auch nicht auf einen einzigen Hochleistungssportler. Allerdings versucht Olivier Rabin, Leiter des Science-Bereiches der WADA, die Zusammenarbeit zwischen WADA und Pharmaindustrie zu intensivieren. Aber das ist ein zähes Geschäft, schließlich muss man die Pharmafirmen erst einmal von den Vorteilen für ihre Branche überzeugen. Deren Forschungs- und Entwicklungsabteilungen sammeln während ihrer Tests unendlich viele Daten und Zusatzinformationen. Die Mediziner wissen bereits frühzeitig, dass ein neues blutdrucksenkendes Medikament zufällig auch noch die Muskelmasse steigert. All diese Informationen liegen vor. Aber sie lassen es nicht raus, was verständlich ist, denn dieses Wissen ist ihr Intellectual Capital und somit bares Geld. Schließlich kann das Medikament zu einem späteren Zeitpunkt durch ein paar kleine Änderungen an der Zusammensetzung dann als Mittel gegen muskeldegenerative Erkrankungen verwendet werden. Auf der anderen Seite muss sich die WADA die Frage gefallen lassen, ob sie denn überhaupt in der Lage ist, die ganzen Informationen professionell zu verarbeiten und die Daten sicher zu verwalten? Nachdem es vor ein paar Jahren bei der WADA einen Dateneinbruch gab, glaube ich das kaum. Professionell aufgestellte Unternehmen fragen sich in diesem Zusammenhang schon, ob sie mit so einem Partner eng zusammenarbeiten möchten. Darüber hinaus haben aber auch die Spitzensportler ein Anrecht darauf, dass Cyber-Kriminelle keine Chance haben, herauszufinden, wann sich wer wo und für wie lange aufhält. Wenn die WADA den Datenschutz und die IT-Infrastruktur auf einem Niveau betreiben würde, wie es bei einem normalen Pharmakonzern in Deutschland gang und gäbe ist, dann müsste sicherlich ein hoher Millionenbetrag investiert werden. Letztendlich machen wir uns hinsichtlich einer engen Zusammenarbeit jedoch viel vor. Und wenn die Industrie dann tatsächlich signalisiert „ja, wir arbeiten mit euch sehr eng zusammen“, dann ist das meiner Überzeugung nach eine reine Werbemaßnahme, aber mehr nicht. Und weil die genau wissen: Wenn wir hier in irgendwelche Probleme reinsteuern und uns darauf verlassen müssen, dass die WADA professionell arbeitet, dann kommt ihnen als Nächstes die FIFA in den Kopf. Und in dem Moment ist der Ofen aus! Da haben die meisten kein Verständnis mehr dafür.

Themawechsel: Welche typischen Nebenwirkungen können bei Dopern auftreten?
Im Fitness- und Bodybuildingbereich, wo es um Doping mit anabolen Steroiden geht, sind es ganz klar äußerliche Erscheinungen: Das fängt bei Steroidakne an und hört bei einem muskulösen Stiernacken auf. Und bei weiblichen Athletinnen ist in aller Regel eine gewisse Vermännlichung festzustellen. Bei einer hochdosierten Einnahme von Wachstumshormonen kann man schon Veränderungen um zwei ganze Schuhgrößen feststellen, und das innerhalb einer überschaubaren Zeitspanne von eineinhalb Jahren. So etwas kann und darf auch nicht dem Schuhsponsor verborgen bleiben, schließlich stellen viele Hersteller für ihre Spitzensportler extra Schuhleisten her. Und wenn ein Erwachsener plötzlich noch einmal zwei Schuhgrößenveränderungen drin hat, dann kann da etwas nicht mit rechten Dingen zugehen. Hingegen ist es nicht ganz unkritisch, eine Herzerkrankung auf ein Dopingvergehen zurückzuführen. Denn hier agieren wir nur mit statistischen Mittelwerten und können höchstens sagen, dass es schon sehr ungewöhnlich ist, wenn ein sportlich aktiver Mensch zu früh verstirbt. Allerdings haben auch ungedopte Personen mit denselben Krankheiten zu kämpfen. Es ist ein ähnliches Phänomen wie beim Rauchen. Nicht alle Kettenraucher leiden unter Lungenkrebs, und viele von ihnen erfreuen sich selbst im hohen Alter noch bester Gesundheit. Für all diese Fälle gilt das Vulnerabilitäts-Stress-Modell, das besagt, dass die Veranlagung eines Menschen, Umwelteinflüsse und der Lebensstil nicht zwingend notwendig bestimmte Krankheiten zur Folge haben müssen. Insofern gibt es natürlich auch Athleten, die auch schwerste Dopingmaßnahmen verhältnismäßig gut wegstecken. Wenn wir jedoch alles statistisch genauestens aufarbeiten würden, ist schon zu erkennen, dass beispielsweise unter Dopingsündern verstärkt Herz-Kreislauf-Erkrankungen auftreten oder auch Thrombose-Risiken akut ansteigen können, für die Einzelperson selbst können wir jedoch nicht viel ableiten.

Und welche Anzeichen treten im Ausdauerbereich auf?
Rein äußerlich ist das im Ausdauerbereich tatsächlich schwerer zu erkennen. Stattdessen sollte man eher einen genauen Blick auf die leistungsphysiologische Entwicklung werfen und die Athleten im Auge behalten, die jahrelang ein konstantes Niveau hatten und mit einem Male Leistungssprünge vorweisen, die gar nicht anders zu erklären sind als durch Doping. Stutzig sollte man jedoch dann werden, wenn diese Sportler sich den im Kollektiv durchgeführten Leistungsdiagnostiken entziehen oder den Anbieter wechseln. Bei den Mitstreitern und Trainingskollegen tauchen jedoch sofort entsprechende Fragestellungen auf. Viele kennen sich seit frühester Jugend und wissen genau, wie viel die trainiert haben. Und wenn die dann plötzlich im Wettkampf um einiges schneller sind, dann gehen schon die Alarmglocken an.

Wie lange profitiert eigentlich ein Athlet nach dem Absetzen der Dopingmittel noch von den leistungssteigernden Folgen?
Bei anabolen Steroiden dürfen wir von positiven Langzeiteffekten auf die Muskelkraft ausgehen, das ist in Studien nachgewiesen. Bei Wachstumshormonen und IGF-1, also Peptid-Hormonen, ist zwar davon auszugehen, aber leider geben die wissenschaftlichen Daten nichts Genaueres her, und für den klassischen medizinischen Bereich ist eine solche Studie auch nicht wirklich interessant. Es sei denn, man würde mit Freiwilligen eine entsprechende Langzeituntersuchung starten, aber das ist ethisch nicht vertretbar. Beim Blut- und Epo-Doping gehen wir derzeit davon aus, dass keine Langzeiteffekte existieren, von denen frühere Doper profitieren. Ein Knackpunkt dabei ist jedoch, dass wir noch nicht wissen, was Epo im Detail an der Muskulatur macht, und es macht etwas an der Muskulatur. Sollte sich dies bestätigen und somit Langzeiteffekte vermitteln, dann hätten wir natürlich ein Problem. Aber das ist momentan noch nicht gut genug untersucht. Allerdings überrascht es mich in diesem Zusammenhang auch immer wieder, wenn ehemals blutgedopte Athleten in die Weltspitze zurückkommen. Dann kann schon ein Langzeiteffekt naheliegen, zumal der Effekt von Epo auf die Leistungsfähigkeit ungemein ist. In den metrischen Sportarten ist der Effekt deutlich: 30 Sekunden auf zehn Kilometer. Und wenn so ein Athlet dann nach einer Sperre zurückkommt, ist der Effekt eher negativ und psychisch bedingt, denn es muss unglaublich frustrierend sein, auf einmal viel, viel langsamer zu laufen. Ein früherer Radprofi hat das so beschrieben: Da fährst du das erste Mal wieder ohne Epo und denkst, du stehst im Wald und möchtest einfach nur noch die Sportart wechseln.

Können die auf acht Jahre eingefrorenen Urin- und Blutproben tatsächlich auch heute noch Dopingsünder überführen, vorausgesetzt die finanziellen Mittel für die Nachtests nach den neuesten Erkenntnissen sind vorhanden?
Prinzipiell ja. Etliche Nachproben – zu denen das IOC ja förmlich genötigt werden musste – waren positiv. Schade ist nur, dass die Öffentlichkeit gar nicht weiß, wie viel Proben getestet wurden und wie viel Prozent davon positiv waren. Leider wurden gar nicht so viele Proben geöffnet, wie man hätte testen können. Die positiven Ergebnisse lagen im nennenswerten zweistelligen Prozentbereich. Und wenn das schon ausreicht, um nach einigen Jahren im zweistelligen Prozentbereich zu landen, dann darf ich das vor der Öffentlichkeit doch nicht geheim halten, denn schließlich lässt sich der Spitzensport auch sehr gut aus Steuermitteln alimentieren. Natürlich generiert der Sport sehr viel Geld, und man darf positive Sekundäreffekte für die Bevölkerung – das U-Bahn-System in München ist heute immer noch ein tolles Beispiel – nicht in Abrede stellen, aber das IOC muss mit diesen Informationen viel transparenter umgehen. Warum wurde ausschließlich nur auf Steroide untersucht und warum wurden überwiegend Ostblock-Athleten überführt? Es ist so schade, und es wurde wieder eine große Chance vertan. Leider erkennt man an diesen Verhaltensmustern ganz genau, wie hoch die Bereitschaft beim IOC ist, Doping wirklich effektiv zu bekämpfen. Natürlich ist es in diesem Zusammenhang ganz wichtig, dass man die bei hoffentlich -80 Grad Celius weggefrorenen Proben mit den modernsten Verfahren auf alle gängigen verbotenen Substanzen nachtestet, um auch wirklich all diejenigen zu überführen, die betrogen haben. Das schreckt ab und würde in der Prävention ungemein helfen.

Was müsste sich Ihrer Meinung also nach ändern?
Der Triathlon in Deutschland befindet sich – wie bereits erwähnt – auf einem sehr guten Weg. Da entsteht was, besonders an der Basis, das zeigen auch die vielen Reaktionen in den sozialen Medien über Doping und ehemalige Doper, die erneut ins Renngeschehen eingreifen. Was aber bleibt, sind so Wasserköpfe wie das IOC oder einige übergeordnete Gremien. Das ist wirklich noch eine ganz zähe, schwierige Geschichte mit über Jahre hinweg historisch gewachsenen Strukturen, die es gilt aufzubrechen, auch im Anti-Doping-Kampf. Wenn sich die Anti-Doping-Experten der DDR und der Bundesrepublik bereits in den Achtzigern umfassend ausgetauscht haben und genau über die neuesten Dopingsubstanzen und deren Nachweismethoden der jeweils anderen Seite Bescheid wussten, stimmt es einen schon nachdenklich, warum niemand überführt wurde. Und wenn schon zu Zeiten des Eisernen Vorhangs keiner von beiden Parteien bereit war, zu sagen: „Ich betreib jetzt hier seriöse Anti-Doping-Politik und überführe jetzt mal die Sportler von der anderen Seite bei Olympia, nein, keine Bereitschaft. Da kann ich wirklich Stein und Bein drauf schwören.“ Belegen lässt sich dies historisch an einigen Eckpunkten, und auch aus einer Vielzahl an Akten können wir ziemlich genau herleiten, wann welche Informationen ausgetauscht wurden. Im Grunde war es wie im Kalten Krieg Anfang der Sechziger mit der Atombombe, wo dann glücklicherweise dann doch niemand bereit war, die Atombombe als Erster zu werfen. Für den Sport dieser Zeit wäre es damals gleichbedeutend mit einem atomaren Erstschlag gewesen, wenn eine Seite plötzlich unerwartet mit einem neuen Verfahren fast alle Athleten der anderen Seite überführt hätte. Da frage ich mich doch im Ernst, was für eine Geisteshaltung ist noch in den Köpfen der Verantwortlichen? Die haben über Jahrzehnte gelernt, dass es ganz, ganz schlecht ist, wenn so viele Athleten auf einmal positiv getestet werden und dass das eigentlich gar nicht geht.

Würde eine Kronzeugenregelung helfen?
Ja, solche Dinge helfen auf jeden Fall. Dabei müssen wir von den Bereichen lernen, die aktuell sehr erfolgreich in der Bekämpfung von Täuschungsmaßnahmen und Betrug sind. Ob es sich dabei um Steuergeschichten oder andere Delikte handelt, ist grundsätzlich egal. Sehr kurzfristig gesehen, halte ich inzwischen den Dialog zu den Athleten für extrem wichtig. Wie denkt der Athlet über die Sinnhaftigkeit von Trainingskontrollen, wenn der überwiegende Anteil an positiven Tests im Wettkampf festgestellt wird? Was ist belastender, eine Urinprobe unter Sichtkontrolle oder eine Blutprobe? Würde ein Sportler beim Vorfinden auffälliger Blutwerte beispielsweise einer Hausdurchsuchung zustimmen, um seine Unschuld zu beweisen, oder den Dopingfahndern Zugriff auf seinen E-Mail-Verkehr erlauben? Und darf der Trainer und/oder betreuende Arzt observiert werden? Und wie verhält es sich beispielsweise mit dem Stress, der sich durch die aktuellen Meldepflichten eingestellt hat? Wenn uns da mal ein paar ehrliche Antworten vorliegen würden, dann könnten alle Seiten auch viel effektivere Wege im Kampf gegen die Einnahme von unerlaubten Substanzen beschreiten. Und die werden dann sicherlich nicht nur aus Dopingkontrollen bestehen, im Gegenteil. Da würde sich eine ganz andere Front öffnen.

Letzte Frage: Macht Ihnen Ihr Job als anerkannter Molekularbiologe und Dopingfahnder eigentlich noch richtig Spaß?
Selbst wenn durch die Veröffentlichung neuer Nachweisverfahren immer auch die andere Seite beeinflusst und mit bedient wird, handelt sich dabei um ein hochinteressantes Tätigkeitsfeld, das sich im Laufe der Jahre immer weiterentwickelt. Selbst dann, wenn ein Dopingweg verhindert wird und dadurch zehn neue Türen geöffnet werden, die womöglich noch viel schlimmer sind. Glücklicherweise verfügt die Anti-Doping-Forschung mittlerweile über ein Know-how, das sich auch auf andere Bereiche übertragen lässt, beispielsweise bei einigen Projekten in der Krebsforschung, die wir vorher gar nicht auf dem Radar hatten. Nachdem wir beispielsweise diesen Gen-Doping-Nachweis entwickelt hatten, stellten wir fest, dass dieser auch beim Nachweis von Krebserbsubstanzen verwendet werden konnte. All das macht Spaß. Man muss halt wissen, dass es in der Gesellschaft überall Betrug gibt. Und der Ansatz, den der Sport eigentlich verfolgt, diesen quasi auszumerzen oder noch besser, erst gar nicht zuzulassen, diesen absolutistischen Ansatz finde ich sehr spannend und ungemein motivierend. Außerdem halte ich diese Arbeit auch für gesellschaftlich sehr relevant, und insofern mache ich da auch weiter!

Herr Professor Simon, herzlichen Dank für das ausführliche und hochinteressante Gespräch.

Fotos: Klaus Arendt und JGU

Professor Dr. Dr. Perikles Simon (41) leitet an der Johannes Gutenberg Universität Mainz die Abteilung Sportmedizin, Prävention und Rehabilitation am Institut für Sportwissen-schaft. In den vergangenen Jahren erlangte der Sportmediziner und Molekularbiologe im Rahmen seiner Anti-Doping-For- schungen einen international anerkannten Ruf.

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