Veltec-Wheels: 60.000 Kilometer sind keine Seltenheit

Speichen, Tri-/Four-/Fivespokes, Scheiben, unterschiedlichste Profilhöhen und Felgenbreiten sowie Bremsflanken aus Carbon oder Aluminium. Im Laufradsektor hat der Kunde die Qual der Wahl.

 

In Kombination mit der verbauten Nabe, der Bereifung, der Bremsbeläge und dem Bremssystem existieren nahezu unendliche Kombinationsmöglichkeiten für das perfekte Set-up für den persönlichen Einsatz im Training und Wettkampf. Wir haben uns mit Ralf Cierniak, Vertriebsleiter „Veltec Wheels“, unterhalten.

Herr Cierniak, immer wieder präsentieren Laufradhersteller im Windkanal oder auf der Radrennbahn die Messwerte, beispielsweise erzielten Watteinsparungen oder den Strömungswiderstandskoeffizienten. Was im Labor unter idealen Bedingungen erreicht wird, sieht auf der Straße häufig ganz anders aus, wenn die Witterungsbedingungen und der Streckenverlauf der vermeintlich perfekten Kombination einen gehörigen Strich durch die Rechnung machen. Kann man sich diesen – sicherlich auch sehr teuren – Aufwand nicht schenken?
Natürlich sind Meßwerte aus dem Windkanal und auf der Radrennbahn für die Entwicklung neuer Laufräder unerlässlich, doch danach folgen Tests unter normalen Bedingungen die einen wesentlich höheren Stellenwert für die Praxistauglichkeit und einen realistischen Einsatz im Wettkampf und auf der Strasse haben.

Was sind im Rahmen der Entwicklung eines Laufrades die technisch größten Herausforderungen beim Design, der Entwicklung des Prototypen, den ersten Testfahrten und der finalen Umsetzung?
Jedes Laufrad ist ein Kompromiss aus Stabilität, Aerodynamic und Gewicht. Die größte Herausforderung ist es, sich an die physikalischen Grenzen heranzutasten, ohne in einem anderen Bereich die Mindestanforderung zu unterschreiten. Viele Hersteller versuchen mit Rekordgewichten Topwerte zu erhalten. In der Praxis ist aber für den Sportler ein Defekt im Wettkampf deutlich schlimmer, als ein paar Gramm mehr Gewicht. Wir bei Veltec legen hier den größten Wert auf  Stabilität und Haltbarkeit. Erst dann folgen Gewicht und Aerodynamik. Wir haben Kunden, die mit einem Laufradsatz 60.000 Kilometer ohne Probleme absolviert haben.

Welche Rolle spielen dabei die verwendeten Materialien Aluminium, Karbon und weitere Werkstoffe?
Das kommt immer auf die Zielgruppe und den Einsatzzweck an. Für Trainingslaufräder ist Aluminium sicherlich der kompletteste und problemloseste Werkstoff. Das sind rundum sorglos Pakete, stabil, haltbar mit akzeptablen Gewichten und guter Bremsleistung. Sportlich ambitionierte Fahrer kommen um den Einsatz von Carbonfelgen nicht herum. Kein anderes Material bietet mehr Möglichkeiten im Felgenprofil, bei gleichzeitig hoher Stabilität und geringem Gewicht.

Klassische Speichen in unterschiedlicher Anzahl, großflächige Three-, Four- und Five-Spokes, Felgenflanken mit einer Höhe bis zu zehn Zentimetern und Scheibenlaufräder: der Kunde hat die Qual der Wahl. Welche Kriterien sind letztendlich entscheidend?
Hier sind die meisten Endverbraucher deutlich überfordert. Wichtigstes Kriterium ist der Einsatzzweck. Three, Four und Fivespokes konnten Ihre Vorteile im Gesamtkonzept nicht wirklich unter Beweis stellen. Die Höhe der Felgenflanken ist abhängig von den äußeren Bedingungen und den fahrtechnischen Fähigkeiten des Sportlers. In der Regel muß auch hier ein Kompromiss gefunden werden. Wir empfehlen dringend die Beratung eines Fachhändlers oder Trainers der alle Aspekte beleuchten kann.

Welche Bedeutung haben in diesem Zusammenhang Seitensteifigkeit, Felgenbreite und die verbaute Nabe?
Wie Eingangs schon erwähnt kommt es hier auf das richtige Zusammenspiel an. Das kann man nicht im Windkanal testen. Unsere Teamfahrer und Mitarbeiter fahren tausende von Kilometern in jedem Gelände mit unseren Laufrädern. Wir bauen Laufräder aus Erfahrung…

Aber auch die Bereifung spielt eine wichtige Rolle. Welcher Reifen – Schlauchreifen, Clincher oder Tubeless? – in welcher Breite sollte bei welchen Umgebungsvariablen zum Einsatz kommen?
Bis vor wenigen Jahren war der Schlauchreifen im Profisport das Maß der Dinge. Clincher Reifen haben in Bezug auf Rollwiderstand und Traktion deutlich aufgeholt. Meßtechnisch sind die Werte sogar teilweise besser. Das Subjektive Fahrgefühl eines Schlauchreifens ist nach meiner persönlichen Meinung aber unerreicht. Der Aufwand der Montage und im Falle eines Defekts ist natürlich immens. Tubeless ist da mit Sicherheit ein guter Ansatz. Im MTB Bereich hat sich diese Möglichkeit schon etabliert. Beim Strasseneinsatz bleibt abzuwarten, wie die Systeme mit den deutlich höheren Reifendrücken zurecht kommen. Z.Zt. können wir allgemein einen Trend zum 25mm breiten Reifen feststellen. Die Felgenbreiten wachsen dementsprechend mit.

Wie eng arbeiten Sie diesbezüglich mit der Reifenindustrie zusammen?
Wir arbeiten schon seit vielen Jahren eng mit Maxxis zusammen, die im MTB-Segment schon bahnbrechende Innovationen entwickelt haben und für die Strasse Reifen mit Triple Compount und 170 TPI anbieten. Auch hier werden Felgenshapes und Reifenbreiten aufeinander abgestimmt, um bestmögliche Ergebnisse zu erzielen.

Die Triathlonszene diskutiert über die Sinnhaftigkeit von Scheibenbremsen an einem Zeitfahrrad ebenso kontrovers wie emotional. Welche technischen und aerodynamischen Kriterien sind in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen?
Der Siegeszug der Scheibenbremse ist nicht mehr aufzuhalten. Die bessere Bremsleistung von Scheibenbremsen ist erwiesen. Die thermische Belastung von Carbonfelgen beim Bremsvorgang wird aufgehoben. 1-4 Watt Leistungseinbuße durch schlechtere Aerodynamik wird schon allein dadurch kompensiert, dass ein Triathlet deutlich später vor Bremsmanövern seine optimale Position auf dem Rad verlassen muß.

Triathleten achten bei der Wahl ihres Equipments penibel auf jedes Gramm. Welche Bedeutung hat das Gewicht eines Laufrades im Gesamtkonstrukt „Mensch – Zeitfahrmaschine“ hinsichtlich der angestrebten Bestzeit?
Hier haben Laufräder und Reifen einen besonderen Stellenwert. Je geringer die rotierende Masse, umso besser ist die Beschleunigung.

Nicht jedes Laufrad passt zu jedem Zeitfahrrad und zu jedem Sportler. Welches Abhängigkeitsverhältnis besteht mit Blick auf den schnellstmöglichen Bikesplit?
Da hilft nur ein ganzheitlicher Ansatz vom kompletten Equipment des Rades, des Sportlers und der Einsatzbedingungen. Die wenigsten Athleten können und wollen sich für alle unterschiedlichen Kurse und Witterungsbedingungen verschiedene Räder aufbauen. Nicht immer ist auch die Zeitfahrmaschine die richtige Wahl. Auf bergigen Kursen könnte das modifizierte Rennrad besser sein. Und wenn wir ehrlich sind, spielen auch die finanziellen Möglichkeiten die entscheidende Rolle.

Sollte vor diesem Hintergrund bei der Entwicklung neuer Zeitfahrkonzepte nicht die herstellerübergreifende Zusammenarbeit zwischen Rahmenbauer und Laufradproduzent verstärkt werden – wie es im Bereich Cockpit, Nutrition-Versorgung und Aufbewahrung von Ersatzteilen schon üblich ist?
Das findet im Moment ja schon statt. Wir pflegen eine enge Kommunikation mit Rad-/, Reifen- und Zubehörherstellern. Es ist eine große Herausforderung für neue Nabenstandards und Einbaubreiten oder neue Reifenkonzepte die richtige Warenversorgung zu sichern. Allein die Scheibenbremse wird den künftigen Markt deutlich verändern. Hier würde ich mir eine noch bessere Zusammenarbeit der Industrie wünschen.

Triathleten wird nachgesagt, dass sie nicht so gut Rad fahren können. Gerade die neuesten Zeitfahrräder bieten bei böigen Seitenwinden – besonders in Kombination mit Hochprofillaufrädern – eine sehr große Angriffsfläche. Eignen sich diese Lösungen somit nur noch für diejenigen, die fahrerisch in der Lage sind, das Rad bei allen Bedingungen zu beherrschen?
Das ist doch immer so. Formel 1-Technik ist für Formel 1-Piloten. Die Ergebnisse kommen letztendlich allen zu Gute. Deshalb kann ich nur nochmal dazu raten einen guten Fachhändler aufzusuchen, der mit seinem Know-how das optimale Rad für den jeweiligen Sportler bestimmen kann. Dazu gehört auch ein professionelles Bikefitting, um die Leistung auch umzusetzen. Hier sind wir wieder beim ganzheitlichen Ansatz.

Inwieweit binden Sie Profis, Altersklassenathleten und Händler in den Entwicklungsprozess eines neuen Laufrades ein, und welche Aufgaben werden von ihnen übernommen?
Es ist ein großer Teil unserer Strategie und unseres Erfolges. Wir arbeiten eng mit Profisportlern wie dem Morevelo Basso Team oder dem Elektoland Racing Team zusammen. Die Mondraker Rockets sind für uns auf dem MTB unterwegs. Aber auch zahlreiche Triathleten, Altersklassen- und Hobbysportler zuzüglich unserer Fachhändler werden in den Bedarfs-, und Entwicklungsprozess unserer Laufräder eingebunden. Erst in ausgiebigen Praxistests erweist sich, wie gut ein neues Konzept funktioniert.

Herzlichen Dank für die ausführlichen Antworten, Herr Cierniak.

Interview: Klaus Arendt

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