DT Swiss: Gewicht ist absolut zweitrangig

DT Swiss Speichen, Tri-/Four-/Fivespokes, Scheiben, unterschiedlichste Profilhöhen und Felgenbreiten sowie Bremsflanken aus Carbon oder Aluminium. Im Laufradsektor hat der Kunde die Qual der Wahl.

In Kombination mit der verbauten Nabe, der Bereifung, der Bremsbeläge und dem Bremssystem existieren nahezu unendliche Kombinationsmöglichkeiten für das perfekte Set-up für den persönlichen Einsatz im Training und Wettkampf. Wir haben uns mit Alexander Schmitt, Road Marketing Manager der DT Swiss AG, unterhalten.

Herr Schmitt, immer wieder präsentieren Laufradhersteller im Windkanal oder auf der Radrennbahn die Messwerte, beispielsweise erzielten Watteinsparungen oder den Strömungswiderstandskoeffizienten. Was im Labor unter idealen Bedingungen erreicht wird, sieht auf der Straße häufig ganz anders aus, wenn die Witterungsbedingungen und der Streckenverlauf der vermeintlich perfekten Kombination einen gehörigen Strich durch die Rechnung machen. Kann man sich diesen – sicherlich auch sehr teuren – Aufwand nicht schenken?
Eine klare Antwort: Leider nein – auf keinen Fall.

Die Entwicklung mit Tools wie CAD & CFD bildet die Basis für die Entwicklung eines Laufrades. Was hier per Simulation entwickelt wird, kann unter durchaus sehr realitätsnahen Bedingungen anschließend im Windkanal getestet werden. Wichtig ist hierbei, dass nicht ausschließlich auf die Reduzierung des Luftwiderstandes geachtet wird, sondern in erster Linie auch auf die Seitenwindunempfindlichkeit – sprich das Lenkmoment. Hier wollen wir einen möglichst linearen Verlauf über alle Anströmwinkel hinweg erreichen, sodass der Fahrer im Endeffekt dasselbe Fahrverhalten hat, unabhängig aus welcher Richtung der Wind kommt. Wir legen sehr großen Wert auf die „Aero-Stability“ und beeinflussen somit auch ganz entscheidend das Fahrverhalten und im Endeffekt die Fahrzeit. Die Laufräder haben einen viel größeren Einfluss auf die Aero-Optimierung als oftmals angenommen wird!

Was sind im Rahmen der Entwicklung eines Laufrades die technisch größten Herausforderungen beim Design, der Entwicklung des Prototypen, den ersten Testfahrten und der finalen Umsetzung?
Es ist sicherlich ein Mix aus vielen Faktoren, sodass am Ende des Entwicklungsprozesses ein Serienprodukt steht, welches exakt der Vorgabe entspricht. Bei DT Swiss legen wir sehr großen Wert auf die Haltbarkeit und Qualität unserer Produkte sodass jede Komponente des Laufrades umfangreichen Tests unterzogen wird. Jeder Prototyp, der zum Beispiel verbesserte Aerodynamik verspricht, wird daher auch immer zuerst auf die Dauerhaltbarkeit geprüft.

Welche Rolle spielen dabei die verwendeten Materialien Aluminium, Karbon und weitere Werkstoffe?
Heutzutage führt für die Herstellung von Hochprofilfelgen kein Weg mehr an Carbon vorbei. Im Bereich Speichen und Naben wiederum setzen wir ganz klar auf Aluminium, aus den bereits eingangs genannten Gründen. Somit erreichen wir die ideale Lösung für unsere Produkte und müssen keine Abstriche in Bezug auf Qualität, Aerodynamik, Steifigkeit, Gewicht machen.

Klassische Speichen in unterschiedlicher Anzahl, großflächige Three-, Four- und Five-Spokes, Felgenflanken mit einer Höhe bis zu zehn Zentimetern und Scheibenlaufräder: der Kunde hat die Qual der Wahl. Welche Kriterien sind letztendlich entscheidend?
Um es einmal ganz simpel zu halten: am allerwichtigsten ist letzten Endes, dass der Kunde sich auf seinem Rad wohlfühlt und den positiven Effekt von hochwertigen Laufrädern spürt. In erster Linie wird dies die Seitenwindempfindlichkeit – sprich das Handling, also die  „Aero-Stability“ – sein. Aber auch hier ist wiederum der Punkt Qualität und Haltbarkeit zu nennen – wer will schon einen aerodynamisch top-optimierten Laufradsatz, welcher nach einer Saison schon nicht mehr zu gebrauchen ist, weil die Lager rau laufen oder die Speichen brechen.

Welche Bedeutung haben in diesem Zusammenhang Seitensteifigkeit, Felgenbreite und die verbaute Nabe?
Die Seitensteifigkeit ist insbesondere für schwerere Fahrer enorm wichtig, wird aber – so unsere Erfahrung – auch von leichteren Athleten sehr geschätzt. Jeder weiß, wie ätzend es ist, wenn die Felge an den Bremsklötzen schleift, und wieviel Kraft hierbei verpufft, muss wohl nicht erwähnt werden. Die Felgenbreite ist zum einen wichtig, um die optimale Kombination mit dem Reifen herzustellen und damit auch die Aerodynamik direkt zu beeinflussen. Die beste Felge bringt einem rein gar nichts, wenn man einen „schlechten“ Reifen montiert, welcher den Luftstrom nicht an die Felge „übergeben“ kann. Zum anderen sind hier die Themen Komfort und Rollwiderstand zu nennen, welche durch eine breitere Abstützung des Reifen sowie die Verwendung von breiteren Reifen (25+mm) verbessert werden – natürlich auf Kosten der Aerodynamik.

Eine interessante Grafik dazu gibt es auf roadrevolution18.dtswiss.com/endurance.

Und welcher Reifen – Schlauchreifen, Clincher oder Tubeless? – sollte dann in welcher Breite bei welchen Umgebungsvariablen zum Einsatz kommen?
Rein auf die Aerodynamik bezogen sind Drahtreifen auf jeden Fall zu empfehlen. Was den Punkt Komfort und Rollwiderstand angeht gibt es mittlerweile auch Tubeless Systeme, welche sehr gut funktionieren und empfehlenswert sind. Wichtig ist – wie gesagt – dass die Reifenbreite auf die Felgenbreite abgestimmt wird. Zum Bespiel empfehlen wir für unsere RRC65 DICUT ganz klar einen 23mm Reifen zu verwenden am Vorderrad, sowie einen 25mm Reifen am Hinterrad. Hiermit erreichen wir die optimale Kombination aus Aerodynamik und Rollwiderstand.

Wie eng arbeiten Sie diesbezüglich mit der Reifenindustrie zusammen?
Wir sind im regelmäßigen Austausch mit diversen Herstellern und tauschen uns über neue Entwicklungen & Möglichkeiten der Optimierung aus.

Die Triathlonszene diskutiert über die Sinnhaftigkeit von Scheibenbremsen an einem Zeitfahrrad ebenso kontrovers wie emotional. Welche technischen und aerodynamischen Kriterien sind in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen?
Rein auf das Laufrad bezogen verschlechtert sich erst einmal die Aerodynamik da die Angriffsfläche vergrößert wird. Allerdings müssen wir das gesamte System, bestehend aus Rahmen, Zubehör und Laufräder im Blick haben und hier gibt es sicherlich enormes Potenzial was die aerodynamische Optimierung angeht. Dass Scheibenbremsen ein besseres Bremsverhalten liefern, ist ein Fakt, und AUCH Triathleten profitieren davon. Das oberflächliche Argument, dass beim Triathlon nur geradeaus und flach gefahren wird ist – meiner Meinung nach – reines Stammtischniveau.

Triathleten achten bei der Wahl ihres Equipments penibel auf jedes Gramm. Welche Bedeutung hat das Gewicht eines Laufrades im Gesamtkonstrukt „Mensch – Zeitfahrmaschine“ hinsichtlich der angestrebten Bestzeit?
Das Gewicht ist absolut zweitrangig, sogar auf sehr bergigen Kursen hat die Aerodynamik einen weitaus größeren Einfluss auf die Fahrzeit. Ab einer Geschwindigkeit von 15km/h ist die Aerodynamik der größte Einflussfaktor und sollte dementsprechend auch an erster Stelle stehen.

Nicht jedes Laufrad passt zu jedem Zeitfahrrad und zu jedem Sportler. Welches Abhängigkeitsverhältnis besteht mit Blick auf den schnellstmöglichen Bikesplit?
Auch hier landen wir wieder beim Punkt Handling bzw. Seitenwindempfindlichkeit. Schwere, große Fahrer haben sicherlich weniger Probleme mit hohen Felgen und Scheiben in starkem Seitenwind wie kleinere und leichte Fahrer. Abhängig von der Fahrtechnik ist dies natürlich eine sehr individuelle Sache und sollte nicht pauschalisiert werden. Generell raten wir aber jedem Athleten, lieber eine etwas tiefere Felgenhöhe zu bevorzugen, welche sich dafür besser steuern lässt und letzten Endes schneller ist als die etwas höhere Felge mit minimal besserem Luftwiderstand.

Sollte vor diesem Hintergrund bei der Entwicklung neuer Zeitfahrkonzepte nicht die herstellerübergreifende Zusammenarbeit zwischen Rahmenbauer und Laufradproduzent verstärkt werden – wie es im Bereich Cockpit, Nutrition-Versorgung und Aufbewahrung von Ersatzteilen schon üblich ist?
Sicherlich ein interessanter Punkt, der auch in Zukunft immer wichtiger werden wird. Viele große Radhersteller gehen genau diesen Weg und beschränken sich auf einige wenige Zulieferer, mit denen eine sehr enge Kooperation entsteht. Auch für DT Swiss sind diese Partnerschaften enorm wichtig und bieten natürlich auch die Möglichkeit, unser Sortiment zu optimieren und den Marktbedürfnissen anzupassen.

Gerade die neuesten Zeitfahrräder bieten bei böigen Seitenwinden – besonders in Kombination mit Hochprofillaufrädern – eine sehr große Angriffsfläche. Eignen sich diese Lösungen somit nur noch für diejenigen, die fahrerisch in der Lage sind, das Rad bei allen Bedingungen zu beherrschen?
Absolut nicht, wir sind uns jedoch dessen bewusst und legen höchste Priorität auf die Entwicklung von seitenwindunempfindlichen Lösungen. Aber wie gesagt, Handling ist etwas sehr individuelles, jeder Fahrer muss für sich selber entscheiden können, was fahrbar ist und was nicht.

Inwieweit binden Sie Profis, Altersklassenathleten und Händler in den Entwicklungsprozess eines neuen Laufrades ein, und welche Aufgaben werden von ihnen übernommen?
Ich denke mehr als die meisten Leser vermuten. Wir haben einige AK-Athleten und Hobby-Radsportler in unserer Nähe – teilweise auch als Mitarbeiter – welche aktiv in den Entwicklungsprozess mit einbezogen werden und beispielsweise Prototypen testen. Ebenso werden unsere Profis in diesen Prozess miteinbezogen, in welcher Rolle und was wir hier genau machen bleibt vorerst unser Geheimnis!

Herzlichen Dank für die ausführlichen Antworten, Herr Schmitt.

Interview: Klaus Arendt
Fotos: DT Swiss AG

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